Ein Betagter mit Hut und Anzug blickt gut gelaunt durch die Scheibe eines Restaurants

Dem Vergessen zuvorkommen – was wir über Demenz wissen

Rund 161’000 Menschen leben in der Schweiz mit Demenz. Noch heute gilt die Krankheit vielen als unausweichliches Schicksal. Doch die Forschung zeigt: Lebensstil und Unterstützung können mehr bewirken, als gemeinhin angenommen.

  • Veränderungen im Gehirn beginnen oft Jahrzehnte vor den ersten Demenz-Symptomen
  • Früherkennung ist wichtig, aber noch immer eine diagnostische Herausforderung
  • Ernährung, Komplementärmedizin und Gehirntraining können therapeutisch genutzt werden

von Désirée Klarer

Demenz, ein Leiden mit vielen Gesichtern

Demenz ist entgegen landläufiger Meinung keine Krankheit, sondern ein Oberbegriff für mehr als 100 verschiedene Krankheiten, welche die Funktionen des Gehirns beeinträchtigen. Die zwei häufigsten sind Alzheimer (62 Prozent der Fälle) und die vaskuläre Demenz (17 Prozent der Fälle). Alzheimer zerstört Nervenzellen durch Eiweissablagerungen; die vaskuläre Demenz entsteht durch Durchblutungsstörungen im Gehirn.

Eine seltene Variante wiederum ist die Lewy-Körper-Demenz. Sie äussert sich unter anderem in Halluzinationen und Parkinson-ähnlichen Beschwerden. Allen gemeinsam: Demenzerkrankungen entwickeln sich schleichend, über Jahre hinweg. Laut Bundesamt für Gesundheit BAG erkranken in der Schweiz jährlich rund 34’800 Menschen neu. Das heisst: Alle 15 Minuten erkrankt jemand neu an Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz.

Wenn der Alltag entgleitet

Freundlich lächelnder Mann in Weissem Hemd und blauem Jackett

Eine Krankheit, viele Unbekannte

Röthlis­berger nennt eine weitere Schwierigkeit: «Demenz­erkran­kungen sind unglaublich vielseitig und komplex – wir haben noch immer relativ wenig Wissen, auf dem wir aufbauen können.» Doch die Forschung arbeite mit Hochdruck daran, der Krankheit die Stirn zu bieten. Mit Kisunla wurde Anfang 2026 das erste Medikament zugelassen, das direkt in den Alzheimer-Krankheits­prozess eingreift. Man könne da schon von einem Game Changer sprechen, sagt der Experte – auch wenn es nur bei einer spezifischen Gruppe im Frühstadium wirke. Die Frage, warum die Krank­heit von Fall zu Fall ganz unterschied­lich verläuft, lässt sich nicht abschliessend klären.

«Wir können eine Demenz leider nie mit Sicherheit zu 100 % verhindern. Ganz egal wie gesund wir leben.»

Michael Röthlisberger

«Mitspielen können hier aber sicher die indivi­duellen genetischen Voraus­setzungen und auch das Verhalten, wenn eine Demenz bereits anfänglich erkennbar ist», sagt Röthlis­berger. Es gebe auch eine interes­sante Forschungs­studie, die zeige, dass die Kombination von Video­spielen mit körperlicher Aktivität die Symptome zu einem gewissen Grad stabili­sieren könne. Einen starken Einfluss hat auch das Phänomen der sogenannten kognitiven Reserve. Sie beschreibt die Wider­stands­fähigkeit des Gehirns, trotz Protein­abla­gerungen oder Schäden weiterfunk­tionieren zu können. Bildung und geistige wie auch soziale Aktivität werden hier als positive Faktoren genannt.

Was dem Gehirn nützt

«Wir können eine Demenz leider nie mit Sicherheit zu 100 Prozent verhindern. Ganz egal wie gesund wir leben. Das ist auch bei Krebs oder anderen Krank­heiten so», betont Michael Röthlis­berger. Dennoch sei belegt, dass gewisse Lebens­faktoren einen Einfluss auf das Demenz­risiko haben können. Gute Ernährung, viel Bewegung, ein gut einge­stellter Blutdruck sowie das Nichtrauchen zählen laut Röthlis­berger zu den wichtigsten Schutz­faktoren. Weniger bekannt, aber wichtig für die Prävention bei Demenz: Ein gutes Gehör und eine gute Sicht. Die Sinnes­eindrücke bewirken, dass das Gehirn stimuliert bleibt.

Eine Diagnose, die auch Angehörige betrifft

Eine freundlich lächelnde Frau mit Brille und Halstuch

Entlastung, bevor die Kräfte schwinden

Damit genau das nicht passiert, bietet das Schweizerische Rote Kreuz einen Entlastungsdienst mit ausgebildeten Betreuenden sowie einen Besuchs- und Begleit­dienst mit Freiwilligen an. Die Anfragen im Entlastungs­dienst, die Menschen mit Demenz betreffen, nehmen seit Jahren kontinuierlich zu. «Mittlerweile leisten wir fast die Hälfte unserer Einsätze in der Entlastung von betreuenden und pflegenden Angehörigen von Personen mit einer Demenz­erkrankung», so Brenner. Freiwil­lige wiederum unter­stützen Personen, deren Demenz noch nicht stark fortgeschritten ist. «Zum Angebot gehören etwa Spaziergänge, Gespräche oder Spiele.»

«Aktuell können sich nicht alle Familien diese Entlastung leisten.»

Beatrice Brenner, Schweizerisches Rotes Kreuz Kanton Thurgau

Was es jedoch auch bräuchte, um Demenz­erkrankte und ihr Umfeld optimal zu begleiten, wäre eine ausrei­chende Finan­zierung, sagt die Bereichs­leiterin. «Während pflegerische Leistungen vergütet werden, gilt dies für die oft umfang­reichen Betreuungs­aufgaben nicht – obwohl diese im Alltag einer demenz­betroffenen Person einen grossen Anteil ausmachen.» Angehörige seien häufig rund um die Uhr gefordert und trügen eine grosse Verant­wortung. Die Konsequenz: «Aktuell können sich nicht alle Familien diese Entlastung leisten», schliesst Beatrice Brenner.


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Demenzerkrankungen sind auch für die Angehörigen eine grosse Herausforderung. Sich mit der Community und mit anderen Betroffenen auszutauschen, beispielsweise zu Hilfsangeboten, kann Mut machen.

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