Prof. Beat Meier, profunder Kenner der Phytotherapie in der Schweiz

«Der Angstmedizin kann sich auch die Phytotherapie nicht entziehen.»

Kaum jemand in der Schweiz hat ein so profundes Wissen über die Phytotherapie wie Prof. Beat Meier, der bis zu seiner Emeritierung an der heutigen Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil lehrte und forschte und die Fachstelle Phytopharmazie leitete. Im Gespräch wünscht er sich, dass die Pflanzenforschung das Therapiesetting nicht ausblendet und er plädiert dafür, auf die Komplementärmedizin stolz zu sein, anstatt daran herumzunörgeln.

Interview: Heinrich Gasser

Herr Professor Meier, manche befürchten, dass die klassische Phytopharmazie in der Schweiz ausstirbt. Wo würden Sie diesem Befund widersprechen – und wo würden Sie ihm zustimmen?

Prof. Beat Meier: Grundsätzlich würde ich eher von Phytotherapie als von Phytopharmazie sprechen: Letztere ist ja einfach ein Mittel zum Zweck für die Zulassung pflanzlicher Arzneimittel. Ich selbst bin nicht so pessimistisch, jedenfalls solange wir mittelständische Unternehmen haben, die sich ernsthaft mit Phytotherapie beschäftigen. Innovationen sind allerdings selten, insbesondere weil es möglich geworden ist, Arzneipflanzen als Lebensmittel auf den Markt zu bringen. Weltweit wird weiterhin viel über Arzneipflanzen geforscht.

Mit welchen Ergebnissen?

Diese Forschung ist aus meiner Sicht eher ineffizient, weil der Schritt von der Grundlagenorschung (Pharmakologie, Inhaltsstoffe) in die klinische Praxis nicht stattfindet. Zwar werden Arzneipflanzen aus aller Welt als solche und ihre potentielle Wirksamkeit erforscht, aber für die Phytotherapie ist das nicht zielführend, zumal die klinischen Studien, die wir heute pflegen, den Arzt oder die Ärztin bewusst ausblenden, um den Placebo-Effekt auszuschalten. Der Arzt oder die Ärztin spielt aber in der therapeutischen Praxis eine riesige Rolle.

Welche Art Forschung wäre denn besser?

Man sollte viel mehr Versorgungsforschung betreiben, bei der das Therapiesetting mitberücksichtigt wird. Dieses müsste viel mehr Anerkennung erhalten, aber bei den Zulassungsbehörden und den Diskussionen um Leistungen der Versicherungen (KVG) sind die bisherigen Modelle präsent. Die moderne, umfassende Forschung, die ganze Systeme anschaut, spielt leider nur eine beschränkte Rolle – das ist eigentlich das grosse Problem.

«Die moderne, umfassende Forschung, die ganze Systeme anschaut, spielt leider nur eine beschränkte Rolle.»

Prof. Beat Meier

Sie haben einmal gesagt, vor 200 Jahren sei die Phytotherapie die Schulmedizin gewesen. Erleben wir heute eine Rückkehr zur Hausmedizin – oder eher die Verwandlung der Phytotherapie in etwas Neues?

Der Prozess, dass Volksmedizin wieder sehr stark auf Phytotherapie setzt, dass Hausmittel propagiert werden, ist ja in vollem Gang. In der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) setzen wir uns dafür ein, dass die Phytotherapie als Bestandteil einer modernen Medizin anerkannt wird und erhalten bleibt. Dass sich die Phytotherapie in etwas völlig Neues verwandeln wird, bezweifle ich. Sie wird weiterhin auf der Tradition aufbauen.

Ein Nationales Forschungsprogramm für Phytotherapie und Phytopharmazie des Schweizerischen Nationalfonds würde dort Geld bereitstellen, wo die Industrie nicht investiert: bei unabhängigen Wirksamkeits-, Qualitäts- und Sicherheitsstudien. Ein solches Programm gab es letztmals in den 1990er-Jahren. Woran liegt es, dass seither keines mehr aufgelegt wurde – und wäre ein neues Programm heute realistisch und sinnvoll?

Ich glaube, dass die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. In der Schweiz verfügen wir weder über die entsprechenden Institutionen noch über die notwendigen Forschungskapazitäten und Expertisen, um grosse Forschungsprojekte erfolgreich mit für die Phytotherapie positiven Ergebnissen durchführen zu können. Und wenn die Strukturen für die Forschung nicht vorhanden sind, bringt ein Nationalfonds-Projekt nichts. Innosuisse ist dafür das geeignetere Tool, bringt dieses doch Forschunginstitutionen und Unternehmen zusammen, womit die Projekte besser steuerbar sind. Dazu braucht es die Kreativität der forschenden Firmen.

«Wenn die Strukturen für die Forschung nicht vorhanden sind, bringt ein Nationalfonds-Projekt nichts.»

Prof. Beat Meier

In Österreich wird der wissenschaftliche Nachwuchs mit dem jährlichen Symposium «Next Generation Pharmacognosy» zusammengehalten. In der Schweiz fehle es am «Gärteig», am Nachwuchs, damit förderungswürdige Projekte zustande kommen, befand neulich ein Branchenkenner. Was bräuchte die Schweiz, damit es Nachwuchs gibt und gute Forschungsprojekte entstehen?

Österreich ist aus meiner Sicht ein Spezialfall, weil das Thema in der Vergangenheit an den drei Pharmazieschulen der Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck von drei sehr engagierten Persönlichkeiten solide verankert worden ist. In der Schweiz dagegen blieben die entsprechenden Institute klein und hatten deshalb wenig Schlagkraft. Dazu kommt, dass die Pharmazie ein multidisziplinäres Fach ist: Biologie spielt eine Rolle, also mischen sich die Biolog:innen ein, Chemie spielt eine Rolle, also reden Chemiker:innen mit. Und in den Wahlkommissionen sitzen ja nicht nur Pharmazeut:innen, die ein Grundwissen bezüglich Arzneipflanzen mitbringen, sondern, oft in der Mehrzahl, auch Leute, die den Fokus nicht auf Pharmazie und schon gar nicht auf Komplementärmedizin und Phytotherapie setzen. So gesehen haben wir in der Schweiz einfach nicht so gute Voraussetzungen. Sowohl in Österreich und in der Schweiz ist die Phytotherapie an den medizinischen Fakultäten kaum vertreten.

Weshalb sind die Behörden bei den Zulassungen neuer Arzneimittel so vorsichtig?

Weil es deren Aufgabe ist und sie ein Teil dessen sind, was ich als «Angstmedizin» bezeichnen würde: Wir sprechen oft primär über mögliche Nebenwirkungen, auch bei risikoarmen Arzneimitteln. Wenn ich mich operieren lasse, muss ich mir im Aufklärungsgespräch eine ganze Litanei dazu anhören, was alles passieren könnte. Und im Zusammenhang mit Patienteninformationen in Form von Packungsbeilagen beobachten wir das Phänomen, dass sensible Personen genau diejenigen Nebenwirkungen entwickeln, die darin beschrieben werden. Dieser Angstmedizin kann sich die Phytotherapie nicht entziehen. Auch in unseren Fachkreisen wird selbst bei einfachen Anwendungen aus Vorsicht auf Nebenwirkungen hingewiesen, die auf extrapolierten Labordaten beruhen, die in der klinischen Praxis aber nicht dokumentiert sind.

«Dieser Angstmedizin kann sich die Phytotherapie nicht entziehen.»

Prof. Beat Meier

Wo sehen Sie Spielraum, die Zulassung pflanzlicher Arzneimittel risikoproportionaler und praktikabler zu gestalten, ohne die Sicherheit zu senken?

In den letzten 20 Jahren sind viele neue Pflanzenmonografien (auch von Extrakten) in die Pharmakopöe aufgenommen worden, auch aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Eigentlich könnten Hersteller sich sagen: «Gut, für diese Pflanze gibt es in der Pharmakopöe eine Monografie, aus dieser Pflanze kann ich ein Präparat herstellen, das mit der nötigen bibliographischen Dokumentation auch zugelassen wird.» Die Realität sieht aber anders aus, obwohl eine Aufnahme ins Arzneibuch bedeutet, dass der Wirkstoff in Europa etabliert ist. In der Wegleitung Phytoarzneimittel ist diese Option nicht vorgehsehen. Mit dem Wegfall des Bereichs Komplementär- und Phytoarzneimittel als eigenständige Abteilung bei Swissmedic dürfte es schwieriger werden, entsprechende Anpassungen zu erreichen. Zudem verursachen die GMP-Regeln, also die Regeln einer guten Herstellungspraxis, kleineren Betrieben oft «Bauchschmerzen»…

… was meinen Sie damit?

Der GMP-Leitfaden der EU und die ICH-Guidelines sind aus der Praxis der Hersteller von weltweit gehandelten Arzneimitteln aufgebaut worden. In der Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln sind die Chargen jedoch deutlich kleiner, das Sortiment oft sehr breit. Das bedeutet höhere Kosten, insbesondere wenn in der Nachkontrolle ein hoher Aufwand anfällt. Da bräuchte es mehr Augenmass bei der Umsetzung von Anforderungen bei Inspektionen durch die Behörde. Der Aufbau und Unterhalt einer GMP-konformen Herstellungsumgebung ist sehr aufwändig, was sich in der Tiermedizin zeigt: Da sind praktisch alle pflanzlichen Arzneimittel verloren gegangen und eine Reaktivierung scheitert an dieser Anforderung.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik, damit die Phytotherapie nicht leise verschwindet?

In der Politik geht es häufig nur noch ums Sparen. Dabei hat die Komplementärmedizin aus meiner Sicht nicht ein Finanz-, sondern ein Akzeptanzproblem: Die Politik sollte endlich anerkennen, dass sie in der Schweiz für die Komplementärmedizin ein hervorragendes System entwickelt hat, um das wir in Europa beneidet werden. Wir wollen ja immer speziell sein. Mit unseren Regelungen zur Komplementärmedizin haben wir etwas, das sehr speziell ist. Das sollte die Politik in den Vordergrund stellen und dazu Sorge tragen.

Zum Schluss: Wo sind Sie trotz allem optimistisch? Was funktioniert in der Schweizer Phytotherapie heute richtig gut?

Wir haben, wie gesagt, ein hervorragendes System: Das Bedürfnis der Bevölkerung nach Komplementärmedizin ist ausgewiesen, diese ist deshalb in der Bundesverfassung verankert, Pflanzliche Arzneimittel sind in immer noch bemerkenswerter Zahl zugelassen und viele von ihnen werden von der Grundversicherung wie andere Medikamente vergütet. Ärzt:innen mit Fähigkeitsausweis Phyotherapie (SMGP) können Leistungen abrechnen. Darauf sollten wir stolz sein, anstatt herumzunörgeln.

Zur Person

Prof. Beat Meier, einer der profiliertesten Kenner der Phytopharamzie in der Schweiz.

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Die Kernaussagen

  • Prof. Beat Meier betont die Wichtigkeit der Phytotherapie und plädiert dafür, auf die Komplementärmedizin stolz zu sein, anstatt daran herumzunörgeln
  • Er kritisiert die aktuelle Forschung, die oft ineffizient ist und den Arzt in der Therapie ausblendet
  • Ein grösseres Augenmerk auf Versorgungsforschung wäre nötig, um die Phytotherapie zeitgemäß weiterzuentwickeln
  • Obwohl es Herausforderungen gibt, hält Meier das Schweizer System für Komplementärmedizin für vorbildlich und sieht darin Chancen
  • Die Politik sollte die Akzeptanz der Phytotherapie fördern, anstatt sich nur auf finanzielle Aspekte zu konzentrieren.

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