Geht es um pflanzliche Arzneimittel, geniesst die Schweiz einen ausgezeichneten Ruf – noch: Die Pflanzenforschung – jene Wissenschaft, die prüft, ob ein Pflanzenpräparat wirkt, sicher und von zuverlässiger Qualität ist – verliert leise an Boden. Für Patient:innen keine gute Nachricht.
- Die Nachfrage nach pflanzlichen Heilmitteln bleibt hoch, aber das wissenschaftliche Rückgrat wird schwächer
- Die Schweiz verliert ihre Deutungshoheit: Wer nicht mehr selbst forscht, wird abhängig von den Erkenntnissen anderer
- Zwischen dem Vertrauen der Bevölkerung und der schrumpfenden Forschungsbasis öffnet sich eine gravierende Lücke
Pflanzliche Heilmittel gehören zum Alltag: Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung nutzen Komplementärmedizin, und seit der Volksabstimmung von 2009 steht ihre Berücksichtigung sogar in der Bundesverfassung. Man könnte meinen, ein so breit verankertes Thema stehe wissenschaftlich auf sicheren Beinen. Doch der Schein trügt, der Befund ist zwiespältig – und in einem wichtigen Punkt beunruhigend.
Vom Kräuterwissen zur Wissenschaft – und wieder zurück?
Die Phytotherapie ist aus der traditionellen Haus- und Pflanzenheilkunde entstanden. Im 19. und 20. Jahrhundert hat sie sich auf einen bemerkenswerten Weg gemacht: weg vom überlieferten Erfahrungswissen, hin zur überprüfbaren Medikation. Pflanzliche Präparate wurden standardisiert, ihre Inhaltsstoffe chemisch analysiert, ihre Wirkung und Sicherheit in Studien akribisch untersucht. Diese Disziplin trägt den etwas sperrigen Namen Phytopharmazie, und sie ist es, die aus einem Kräuterauszug ein verlässliches Arzneimittel macht.
Genau diese klassische Phytopharmazie stirbt in der Schweiz aus. Nicht mit einem Knall, sondern durch stilles Verschwinden. An den Universitäten gibt es zwar weiterhin Lehrstühle für Pharmazeutische Biologie – die Nachfolgedisziplin der früheren Pharmakognosie. Doch ihr Inhalt hat sich verschoben: Wo früher Arzneipflanzen, Drogenanalytik und die Qualität pflanzlicher Präparate im Zentrum standen, geht es heute überwiegend um molekulare Naturstoffchemie, um die Biosynthese einzelner Moleküle, um mikrobielle Wirkstoffe. Das ist zwar spannende Forschung – aber es ist nicht mehr Phytopharmazie im ursprünglichen Sinn.
Die Basis ist nicht verschwunden, aber sie ist dünner und personenabhängiger geworden.
In der Schweiz lässt sich das an wenigen Namen festmachen, und das ist Teil des Problems. An der ETH Zürich endete mit der Emeritierung der langjährigen Lehrstuhlinhaber die Tradition der Pharmakognosie ganz; eine fachgleiche Nachfolge gibt es nicht mehr. In Basel driftete der Lehrstuhl für Pharmazeutische Biologie in die molekulare Naturstoffforschung ab. Immerhin entstand dort 2020, privat mitfinanziert, eine neue Professur für translationale Komplementärmedizin, ein seltenes Gegenbeispiel. In Genf hält eine international sichtbare Gruppe die phytochemische Tradition hoch, doch auch sie ist an einzelne Personen gebunden, die nicht ewig im Amt bleiben. Und die anwendungsnahe Phytopharmazie – die Arbeit an Qualität und Prüfmethoden für die Arzneibücher – konzentriert sich fast nur noch auf die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Wädenswil. Die Basis ist also nicht verschwunden, aber sie ist dünner und personenabhängiger geworden. Fällt eine Professur weg oder tritt eine Schlüsselperson in den Ruhestand, geht ein Stück Kompetenz verloren, das sich nicht über Nacht wieder aufbauen lässt.
Das steht auf dem Spiel
Diese Entwicklung hat konkrete Folgen – gerade für Menschen, die pflanzliche Mittel verwenden.
- Die Zahl der in der Schweiz zugelassenen pflanzlichen Arzneimittel ist dramatisch gesunken – von rund 790 Präparaten (2009) auf etwa 460 (2020) – und sie sinkt weiter. Die Gründe sind teils wirtschaftlich, vor allem aber regulatorisch: Zwar bestehen auf dem Papier vereinfachte Zulassungsverfahren, doch Branche und Dakomed kritisieren seit Langem, dass sie der Vielstoff-Komplexität pflanzlicher Arzneimittel im Vergleich zu den möglichen Risiken nicht gerecht werden. Wenn selbst altbekannte Pflanzen wie ein neuer Wirkstoff behandelt werden, bloss weil kein Schweizer Referenzpräparat existiert, ist das Zulassungsverfahren nicht wirklich vereinfacht. Die Folgen für die Forschungstätigkeit sind fatal: Wenn sich die Zulassung wirtschaftlich nicht mehr lohnt, schwindet zugleich der Anreiz, in eigene Forschung zu investieren.
- Die klassische Phytopharmazie ist die Instanz, die prüft, ob ein Präparat den richtigen Wirkstoffgehalt hat, ob es frei von Verunreinigungen ist, wie es dosiert werden muss und ob es sich mit anderen Medikamenten verträgt. Schrumpft diese Forschung an öffentlichen Institutionen, verlagert sich die Prüfung immer stärker zu den Herstellern selbst. Herstellerforschung ist zwar nicht automatisch schlecht – aber sie kann (und will) Grundlagenforschung und unabhängige Instanzen nicht ersetzen.
- Die Schweiz verliert ihre Deutungshoheit: Wer nicht mehr selbst forscht, wird abhängig von den Erkenntnissen anderer. International verschiebt sich das Forschungsvolumen rasant nach Asien; China publiziert heute ein Vielfaches dessen, was europäische Länder beitragen – allerdings mit (wenigstens vorläufig) durchzogener Qualität. Europa und die Schweiz punkten noch mit hoher Studienqualität, aber die kritische Masse wird kleiner. Damit schwindet die Fähigkeit, selbst zu beurteilen, was evidenzbasierte Pflanzenheilkunde künftig heissen soll.
Das eigentliche Paradox: Die Nachfrage bleibt ungebrochen hoch, während das wissenschaftliche Rückgrat schwächer wird. Zwischen dem Vertrauen der Bevölkerung und der schrumpfenden Forschungsbasis öffnet sich eine gravierende Lücke.
Lesen Sie auch diesen Millefolia-Beitrag:
Bild: iStock/Wavebreakmedia
Fazit
- Die klassische Pflanzenforschung stirbt in der Schweiz langsam aus. Lehrstühle heissen zwar noch «Pharmazeutische Biologie», forschen aber an Molekülen statt an Arzneipflanzen. Anwendungsnahe Kompetenz konzentriert sich fast nur noch auf die ZHAW Wädenswil.
- Das Wissen hängt an einzelnen Personen. Fällt eine Professur weg oder geht eine Schlüsselperson in Pension, ist die Kompetenz nicht über Nacht ersetzbar.
- Weniger Forschung, weniger Arzneimittel. Die Zahl zugelassener pflanzlicher Arzneimittel ist von rund 790 (2009) auf etwa 460 (2020) gesunken – vor allem, weil die «vereinfachte» Zulassung der Komplexität pflanzlicher Präparate nicht gerecht wird und sich Forschung so nicht mehr lohnt.
- Unabhängige Kontrolle geht verloren. Wo öffentliche Forschung fehlt, prüfen die Hersteller sich selbst – und die Schweiz wird abhängig von Erkenntnissen aus dem Ausland, insbesondere aus Asien.
- Die Nachfrage bleibt, das wissenschaftliche Rückgrat bröckelt. Zwei Drittel der Bevölkerung nutzen Komplementärmedizin. Ohne Gegenmassnahmen droht die Phytotherapie nach hundert Jahren wieder zur reinen Volksmedizin zu werden.






Schreibe einen Kommentar