Migräne bei Kindern: was Eltern tun können

Plötzlich hört das Kind mitten im Spiel auf, legt sich hin und zieht die Decke über den Kopf. Kein Licht, kein Lärm. Migräne bei Kindern und Jugendlichen kommt häufiger vor als gedacht – und Eltern müssen nicht machtlos mitleiden. Es gibt einiges, wie Migräne bei Kindern behandelt werden kann.

  • Etwa 10 bis 12 Prozent der Kinder in der Schweiz leiden gelegentlich unter Migräne
  • Bei der Behandlung kommen oft Homöopathie, Akupunktur, Phytotherapie oder Traditionelle Chinesische Medizin zum Einsatz
  • Akut helfen Schmerzmittel, der Rückzug in einen dunklen Raum und ein kalter Lappen auf der Stirn

von Désirée Klarer

Kopfschmerzen gelten als Erwachsenenleiden: 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz sind davon betroffen, bis zu 15 Prozent von Migräne. Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft beschreibt Migräne als starke neurologische Erkrankung, die den Alltag erheblich beeinträchtigt und zu Fehlzeiten und verminderter Leistungsfähigkeit führen kann. Dass es Kinder ebenso trifft, ist weit weniger bekannt.

Kopfschmerzen und Migräne sind nämlich auch bei Kindern kein seltenes Phänomen. Die Fachgesellschaft pädiatrie schweiz geht gar davon aus, dass Kopfschmerzen und Migräne zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch im Kindesalter zählen. Tobias Iff, Kinderneurologe und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft, nimmt an, dass 10 bis 12 Prozent der Kinder von episodischer Migräne betroffen sind. Als episodisch gilt die Migräne, wenn sie an weniger als 15 Tagen im Monat auftritt. An einer chronischen Form wiederum leiden gemäss Tobias Iff etwa ein bis zwei Prozent der Kinder.

Wie sich Migräne bei Kindern äussert

Anders als bei Erwachsenen ist Migräne bei Kindern unter 15 Jahren häufig beidseitig (nicht einseitig), hält kürzer an (1 bis 48 Stunden statt 4 bis 72) und ist oft mit Bauchbeschwerden verbunden. Oftmals kommen Aura (Wahrnehmungsstörungen), Übelkeit und Erbrechen hinzu. Die Abgrenzung zu Spannungskopfschmerz ist schwierig, Mischformen sind häufig. Was beide Gruppen gemein haben, ist die Licht- und Lärmempfindlichkeit. Bei kleineren Kindern kann es durchaus vorkommen, dass sich die Migräne ausschliesslich durch Bauchschmerzen äussert. Dann spricht man von einer Bauchmigräne (abdominelle Migräne). Sie äussert sich durch Blässe, Appetitlosigkeit und Übelkeit und ist oft ein Vorbote der Migräne.

Die Wahrscheinlichkeit für Migräneanfälle ist bei Kindern grösser, wenn ihre Eltern ebenfalls unter Migräne leiden. Neben der genetischen Veranlagung kann ungenügender oder unregelmässiger Schlaf, zu wenig trinken oder Stress eine Migräne begünstigen. Weitere Trigger sind etwa Lärm, grelles Licht oder grosse Hitze.

Behandeln und vorbeugen mit Komplementärmedizin

In der Akutphase einer Migräne hilft Kindern und Jugendlichen der Rückzug in einen abgedunkeltem Raum und ein kalter Lappen auf der Stirn. Weiter können auch frühzeitig eingesetzte Schmerzmittel helfen. Wichtig ist dabei die altersgerechte Dosierung, und dass man nicht zu lange wartet mit der Gabe. Und besonders wichtig: Genügend trinken.

Zusätzlich hat die Komplementärmedizin bei der Behandlung von Kopfschmerzen und Kindermigräne viel zu bieten. Häufig kommen laut der Fachgesellschaft pädiatrie schweiz etwa die Homöopathie, die Akupunktur oder die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) zum Einsatz. Aus der Pflanzenheilkunde verschaffen vor allem Pfefferminze, Lavendel und Ingwer Linderung bei Kopfschmerzen und Migräne.

Bei der Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne bei Kindern und Jugendlichen kommen oft Homöopathie, Akupunktur oder Phytotherapie zum Einsatz.

Auch Entspannungstechniken wie die Hypnosetherapie oder diätetische Massnahmen könnnen gemäss der Fachgesellschaft helfen. Eine weitere Methode ist die Traditionelle chinesische Medizin (TCM). «Während die Schulmedizin klare Diagnosen wie Spannungskopfschmerz oder Migräne kennt, stellt TCM keine Diagnose Migräne – sondern analysiert jedes Kind individuell», verrät Philipp Ehrsam, Naturheilpraktiker für TCM.

Zur Person

Philipp Ehrsam ist eidgenössisch diplomierter Naturheilpraktiker für traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

Den Schmerz mit chinesischen Kräutern und Nadeln stillen

Im Zentrum der Therapie steht bei Philipp Ehrsam die chinesische Arzneimitteltherapie – sie wird von Eltern deutlich besser akzeptiert als die Akupunktur. Dabei kombiniert Ehrsam nach individuellem Muster bis zu 15 Einzelmittel. Da Granulate für Kinder geschmacklich oft schwierig sind, setzt er auf flüssige Extrakte, die praktisch und gut verträglich sind. Akupunktur setzt er je nach Alter und Offenheit des Kindes ergänzend ein. Auch für Kleinkinder ist sie möglich. Dabei arbeitet der Naturheilpraktiker mit sehr feinen Nadeln, die nur ganz kurz eingestochen werden. «Das ist schmerzfrei, und die Kinder dürfen sich ihrer Natur entsprechend bewegen», betont Ehrsam.

Hand in Hand mit der Schulmedizin

Dass viele Eltern erst zur TCM kommen, wenn die Schulmedizin nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, versteht der Naturheilpraktiker Philipp Ehrsam. «Kinder sind besonders schützenswert. Daher verstehe ich Eltern sehr gut, wenn sie mit ihrem Kind zuerst in eine pädiatrische Arztpraxis gehen – das kann ich als Vater sehr gut nachvollziehen.» Die Zusammenarbeit mit schulmedizinischen Kollegen schätzt er ausdrücklich. «Wer würde seinem lieben Kind nicht gerne eine schmerzlindernde Tablette geben, wenn es starke Kopfschmerzen hat.» Die TCM-Therapie sieht er als langfristige Ergänzung: um das Muster zu verändern, damit Kopfschmerzen gar nicht mehr oder deutlich seltener auftreten. Werden die Beschwerden innerhalb von sechs bis acht Wochen nicht besser, empfiehlt Philipp Ehrsam den Eltern aktiv eine ärztliche Abklärung. «Diese Offenheit gegenüber der Schulmedizin schafft Vertrauen – und wird sehr geschätzt.»

Bei Kindern arbeitet der Naturheilpraktiker Philipp Ehrsam mit sehr feinen Nadeln, die nur ganz kurz eingestochen werden.

Die Offenheit braucht es aber auch im eigenen Umfeld. Nur wenn Kopfschmerzen und Migräne bei Kindern zum Beispiel auch im Schulalltag, bei Freizeitaktivitäten oder im privaten Umfeld ernst genommen werden, ist gewährleistet, dass die Ursachen früh bekämpft werden können.

  1. Leber‑Qi‑Stagnation – wenn Stress den Kopf blockiert
    Dieses Muster sieht man häufig bei sensiblen, emotional belasteten oder schulisch überforderten Kindern. Typisch sind drückende Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Seufzen oder Bauchschmerzen.
  2. Aufsteigendes Leber‑Yang oder Leber‑Feuer – der «explosive» Kopfschmerz
    Hier dominieren Hitze und Dynamik: pulsierende Schmerzen, rote Augen, Lichtempfindlichkeit, Wutausbrüche. Eher bei Jugendlichen als bei kleinen Kindern.
  3. Schleim und Feuchtigkeit – der «schwere Kopf»
    Eines der häufigsten Muster überhaupt. Kinder wirken müde, haben einen dumpfen Kopfschmerz, oft begleitet von Übelkeit, Verdauungsproblemen.
  4. Wind‑Hitze oder Wind‑Kälte – der akute Infekt
    Plötzlich auftretende Kopfschmerzen, oft mit Schnupfen, Fieber oder Frösteln. Hier steht der Infekt im Vordergrund.
  5. Qi‑ oder Blut‑Mangel – der Kopfschmerz nach geistiger Anstrengung
    Kinder mit schwacher Konstitution, Wachstumsschüben oder unausgewogener Ernährung leiden oft darunter. Typisch sind Müdigkeit, Schwindel und Kopfschmerzen nach Schule oder Lernen.

Quelle: Philipp Ehrsam, Naturheilpraktiker für TCM


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Was Eltern wissen sollten

  • Bei Kindern verläuft Migräne anders als bei Erwachsenen: häufig beidseitig, kürzer, oft mit Bauchbeschwerden – bei Kleinen manchmal nur als Bauchmigräne
  • Akut helfen ein abgedunkelter Raum, ein kalter Lappen auf der Stirn, ausreichend trinken und früh eingesetzte, altersgerecht dosierte Schmerzmittel
  • Als Trigger gelten unregelmässiger Schlaf, Stress, zu wenig Flüssigkeit, Lärm, grelles Licht und Hitze; eine familiäre Veranlagung erhöht die Wahrscheinlichkeit
  • Komplementärmedizinisch kommen Homöopathie, Akupunktur, Phytotherapie und TCM zum Einsatz – letztere stellt keine Diagnose, sondern behandelt das Kind nach individuellem Muster
  • Bessern sich die Beschwerden nicht innert sechs bis acht Wochen, gehört das Kind ärztlich abgeklärt.

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