Mitten in der Nacht ein Aufschrei – ein stechender Krampf in der Wade. Oder nach einem langen Arbeitstag ist der Nacken so verspannt, dass man kaum noch den Kopf drehen kann. Muskelbeschwerden gehören für viele Menschen zum Alltag – und trotzdem greift man oft zu den falschen Mitteln.
- Krämpfe, muskuläre Verspannungen und Muskelschmerzen betreffen Menschen jeden Alters – ihre Auslöser sind vielfältig
- Naturheilkunde und Komplementärtherapie setzen dort an, wo Schmerzmittel nicht hinkommen: bei den Ursachen
- Magnesium gilt als Hausmittel Nummer eins gegen Krämpfe, doch die Forschung sieht das nüchterner
Ein Volksleiden, das oft nicht ernst genommen wird
Wir alle kennen das Gefühl: ein plötzlicher Krampf, ein steifer Nacken, Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich, die einfach nicht verschwinden wollen. Muskelbeschwerden sind so alltäglich, dass man sie oft kaum mehr wahrnimmt – bis sie so stark werden, dass sie den Schlaf rauben oder die Arbeit beeinträchtigen. Dass das kein Einzelschicksal ist, zeigt das nationale Forschungsprogramm NFP 53 des Schweizerischen Nationalfonds: Erkrankungen des Bewegungsapparats gehören in der Schweiz zu den häufigsten Gründen überhaupt für einen Arztbesuch. Die gesellschaftlichen Kosten – allein durch Rückenschmerzen bis zu 14 Milliarden Franken pro Jahr – sind enorm.
Muskelkrämpfe im engeren Sinne sind noch verbreiteter: Zwischen 30 und 55 Prozent der älteren Bevölkerung leiden gemäss einer deutschen ärztlichen Leitlinie regelmässig darunter, manche mehrmals pro Woche. Und auch Jüngere kennen das Problem – vom nächtlichen Wadenkrampf bis zur chronischen Verspannung nach stundenlangem Sitzen.
Spannungen und Blockaden haben immer eine Geschichte
Das weiss auch Oliver M. Bassler aus Weinfelden. Der Naturheilpraktiker mit eidgenössischem Diplom ist auf die Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN) spezialisiert – ein Medizinsystem mit Wurzeln in der antiken Säftelehre und der Klostermedizin, das weniger bekannt ist als die TCM, aber ähnlichen Grundprinzipien folgt: den Menschen als Ganzes in den Blick nehmen, Gleichgewichte herstellen.
Wenn jemand mit Muskelbeschwerden zu ihm kommt, beginnt der Naturheilpraktiker nicht sofort mit der Behandlung. Erst kommt das Gespräch. «Spannungen im Körper haben immer eine Geschichte», sagt Oliver Bassler. «Manchmal ist es die Arbeitshaltung, manchmal anhaltender Stress, manchmal beides. Das beeinflusst, welche Methoden ich wähle und in welcher Reihenfolge ich sie anwende.»
«Spannungen im Körper haben immer eine Geschichte. Die beeinflusst, welche Methoden ich wähle und in welcher Reihenfolge ich sie anwende.»
Oliver M. Bassler, Naturheilpraktiker mit eidgenössischem Diplom
Für die eigentliche Behandlung greift Bassler auf ein breites Methodenspektrum zurück. «Ich beginne häufig mit Techniken wie Dorntherapie, Tuina oder Reflexzonentherapie – sie ermöglichen einen direkten Zugang zu Spannungen und Blockaden. Darauf aufbauend arbeite ich gerne mit osteopathischen Techniken weiter, um die Zusammenhänge im Körper noch differenzierter zu behandeln», erläutert Oliver Bassler. «Akupunktur kommt ergänzend dazu, vor allem bei chronischen oder tieferliegenden Beschwerden. Und fast immer begleiten Heilpflanzen den Prozess.»
Physiotherapie bei Muskelbeschwerden
Bei Muskelbeschwerden ist neben der Komplementärmedizin oft die Physiotherapie das Mittel der Wahl. Der Naturheilpraktiker Oliver M. Bassler (Bild r.) schickt seine Patientinnen und Patienten zum Beispiel bewusst in die Physiotherapie, wenn es um klare funktionelle Probleme geht – und begleitet sie naturheilkundlich, wenn die Ursachen tiefer liegen.


Die Kraft der Pflanzen gezielt eingesetzt

Pflanzenheilkunde ist kein Einheitsbrei, betont Bassler. Welche Pflanze sinnvoll ist, hängt vom Beschwerdebild ab – und davon, ob Stress eine Rolle spielt. «Sehr bewährt sind Arnika bei Überlastung, Johanniskraut bei nervösen Verspannungen und Beinwell bei tieferliegenden Beschwerden.
Bei chronischen Themen arbeite ich gerne mit Teufelskralle oder auch mit Rosmarin, der die Durchblutung fördert. Lavendel ist zudem eine oft unterschätzte Pflanze, wenn Stress eine Rolle spielt.»
In der Praxis setzt Bassler vor allem auf pflanzliche Tinkturen. Der Vorteil: «Sie sind gut dosierbar, wirksam und lassen sich unkompliziert in den Alltag integrieren. Wichtig ist für mich immer: Die Anwendung muss praktikabel sein.» Wer es lieber äusserlich mag, kann Arnika-Salbe oder Beinwell-Gel direkt auf die schmerzende Stelle auftragen – beides ist frei in der Drogerie und Apotheke erhältlich. Auch ein selbst gemachter Rosmarin-Umschlag oder ein Vollbad mit Lavendelöl sind einfache Mittel, die mehr bewirken können, als man ihnen zutraut.
Was wirklich gegen Krämpfe hilft – und was nicht
Wer nachts von einem Wadenkrampf geweckt wird, greift oft zur Magnesiumtablette. Das ist verständlich – der Glaube daran ist weit verbreitet. Doch die Forschung ist hier ernüchternd: Eine Cochrane-Analyse, die elf Studien auswertete, konnte keinen relevanten Nutzen von Magnesium bei idiopathischen Muskelkrämpfen nachweisen. Und eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit, die gängige Überzeugungen von Sportlerinnen und Sportlern mit der Studienlage verglich, kommt zum Schluss, dass der Glaube an Elektrolyte und Flüssigkeit als Krampfgegenmittel oft schlicht «Halbwissen» ist.
«Pflanzliche Tinkturen sind gut dosierbar, wirksam und lassen sich unkompliziert in den Alltag integrieren.»
Oliver M. Bassler, Naturheilpraktiker mit eidgenössischem Diplom
Was hingegen funktioniert: Dehnen. Im Akutfall hilft es, den verkrampften Muskel sofort zu strecken. Und wer nächtliche Wadenkrämpfe kennt, dem kann es helfen, regelmässig die Wadenmuskulatur zu
stretchen – mehrmals täglich und abends vor dem Schlafengehen. Der Grund ist physiologisch einleuchtend: Krämpfe entstehen häufig, wenn verkürzte oder übermüdete Muskeln aus dem neuromuskulären Gleichgewicht geraten. Dehnen stellt dieses Gleichgewicht wieder her. Hinzu kommt: Ein bestehender Magnesiummangel sollte selbstverständlich ausgeglichen werden. Aber als universelles Gegenmittel taugt die Magnesium-Tablette nicht.
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Bilder: Yuri Arcurs Collection – magnific.com / zVg Oliver M. Bassler / Ryutaro Tsukata – pexels.com / / Özgür Beşli – pexels.com
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Key Takeaways
- Muskelbeschwerden sind weit verbreitet und betreffen Menschen jeden Alters, wobei die Ursachen vielfältig sind.
- Naturheilkunde und Komplementärtherapie konzentrieren sich auf die Ursachen, wo Schmerzmittel oft nicht helfen.
- Magnesium als Hausmittel gegen Krämpfe hat in der Forschung nicht die erhoffte Wirkung gezeigt.
- Dehnen hilft akut gegen Krämpfe und sollte regelmäßig praktiziert werden, besonders vor dem Schlafengehen.
- Ein Naturheilpraktiker wendet verschiedene Methoden an, um Muskelbeschwerden effektiv zu behandeln, einschließlich Pflanzenheilkunde.





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